Erfasst von einem F2-Tornado

Der Abend des 24 August war dunkel und regnerisch, aber nicht anders als andere regnerische Abende in Windsor im Südwesten Kanadas. Im Inneren des Kautex-Werks in Windsor vergisst man beim rhythmischen Klang der Maschinen, dem sorgfältig getakteten Tanz der Roboter und dem allgemeinen geschäftigen Treiben in der Produktion schnell die äußere Umgebung.

Bill Arquette war einer der Mitarbeiter an diesem Abend. Als Prozessverantwortlicher der zweiten Schicht bei KOC verließ Bill die Produktion, um mit dem Versandverantwortlichen über einen möglichen Engpass an kundenspezifischen Gestellen zu sprechen. Erst jetzt bemerkte er das schwere Gewitter mit starken Regenfällen.

Da er wusste, dass bei Stürmen mit Stromausfällen im Werk zu rechnen ist, ging Bill zurück in den Produktionsbereich, um nach seinem Team zu schauen. Tatsächlich flackerten beim nächsten Donnerschlag die Lichter und das Werk stand für einige Sekunden im Dunkel.

Nur eine kurze Zeitspanne – genug jedoch, um Unheil an den Extrudern und den Robotern an den Abkühlungsvorrichtungen anzurichten.

Das Team kannte den Ablauf. Mit erfreuten Ausrufen wie „Hey, ich glaube, wir haben Pause“ gingen viele Mitarbeiter in die Cafeteria, um abzuwarten, bis die Prozesstechniker, Elektriker und Wartungsteams die Maschinen wieder betriebsbereit gemacht hatten. Bald befanden sich nur noch rund zehn Personen im Produktionsbereich, während der Rest den Sturm von den Cafeteriafenstern aus beobachtete.

Bill ging zuerst zu Linie 2 und half einem Prozesstechniker dabei, die Maschine wieder betriebsbereit zu machen.

„Ich hörte etwas, das wie ein Rudel Wölfe klang… und fragte, was für ein Geräusch das sei“, erinnert sich Bill an das Erlebnis. „Eine Sekunde lang dachte ich, dass eine 747 auf das Gebäude gestürzt wäre, dann hörte ich ein lautes Knallen und bemerkte einen starken Wind. Ich schaute nach oben und sah, dass das Dach des Gebäudes über meinem Kopf abgerissen wird.” Innerhalb weniger Sekunden verschwand der Wind und hatte einen großen Teil des Daches und der West- und Nordwand des Produktionsbereichs mitgerissen. „Erst dann begriff ich, dass wir uns inmitten eines Tornados befanden.“

Entscheidungen in Sekundenbruchteilen

„Selbstverständlich war mein erster Gedanke, in den Schutzraum zu gehen, ich hielt jedoch nach einigen Schritten an und dachte mir: dort kann ich nicht hingehen, ich bin der Schichtleiter – ich muss mich darum kümmern, dass alle in Sicherheit sind“, lässt Bill das Geschehen weiter Revue passieren.

Dies erwies sich als schwieriger als gedacht. Die RTO (eine Liste der Mitarbeiter die sich an dem Abend zur Arbeit gemeldet hatten) hatte auf diesem Schreibtisch gelegen... nun lag sie unter all den Trümmern und dem Schutt, den der Sturm hinterlassen hatte. Wasser prasselte in das Werk – von dem unablässigen Gewitter, das nun ungehindert auf das abgedeckte Gebäude einwirken konnte, und von der automatischen Sprinkleranlage, die ausgelöst worden war.

Bill lief an den Produktionslinien des Werks auf und ab, um sicherzustellen, dass alle den verwüsteten Produktionsbereich verlassen hatten. Er rief die Feuerwehr und etliche Kollegen an. Dann ließ er alle außerhalb am vereinbarten Versammlungspunkt für Notfälle zusammenkommen und befragte die Mitarbeiter Bereich für Bereich, ob alle ihre Kollegen anwesend seien. „Linie 2,” rief er in die düstere Nacht. Wer an Linie 2 war, hebt bitte die Hand. OK, jetzt schauen Sie sich um – sind alle ihre Kollegen da?’ ‘Linie 3….’”

Unter den 50 Mitarbeitern, die an diesem Abend anwesend waren, gab es keine Todesopfer, nur vier Personen mussten mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Aber wie sollte das alles wieder aufgebaut werden?

Am späteren Abend bahnte sich Steve Phillips, Director of Operations, KOC durch die zahlreichen Polizeiabsperrungen einen Weg zurück ins Werk und erkundigte sich, ob alle Mitarbeiter vollzählig und in Sicherheit sind. Erst nachdem er sich überzeugt hatte, dass sein Team in Sicherheit ist, nahm er das Innere des Werks in Augenschein.

„Wegen der Gefahr von elektrischen Schlägen konnte ich das Werk nicht betreten“, erklärt er. „Vom Eingang aus war jedoch im Schein einer großen Taschenlampe das Ausmaß der Zerstörung zu erkennen. Es sah aus, als hätten Bomben ins Gebäude eingeschlagen... ein Anblick totaler Verwüstung.”

Die Böden waren mit Wasser überschwemmt, das eintretende Mondlicht tauchte die stillstehenden Maschinen in ein unheimliches Licht und die Zerstörungen an Dach, Wänden und Trägern warfen dunkle Schatten.

„Einerseits war ich erleichtert, weil ich wusste, dass es keine Todesopfer gegeben hatte“, berichtet Steve. „Andererseits hatte ich beim Blick in die unheimliche Dunkelheit keine Vorstellung davon, wie viel Arbeit für den Wiederaufbau vor uns liegen würde.“

Oben: Am Tag nach der Zerstörung und zwei Wochen später; Unten: Nach 6 Tagen kehren Mitarbeiter erstmals zu Kautex Windsor zurück; Steve Phillips, Director, Operators, zeigt CEO Jörg Rautenstrauch das Ausmaß der Zerstörung.